
Aus Partylocation wird eine Kirche: Gifhorner Brauhaus gehört bald Freier Christengemeinde
Gifhorn. Das Gifhorner Brauhaus bekommt einen neuen Eigentümer: Die Freie Christengemeinde Gifhorn (FCG) will die Immobilie zukünftig für ihre Zwecke nutzen. „Der Kaufvertrag wird derzeit vorbereitet“, sagt Leitender Pastor Lothar Krauss. Die Übernahme sei für April geplant. „Die bereits zugesagten Hochzeiten sind durch den Eigentümerwechsel nicht gefährdet – sie finden statt“, nimmt Krauss Brautpaaren die Sorge.
Mehr als 190 Gemeindemitglieder, Gottesdienste im „Schichtbetrieb“ mit durchschnittlich rund 320 Besuchern: Am Standort in der Pyritzer Straße – das Gemeindehaus gibt’s seit 1964 – sei es einfach zu eng geworden, erläutert Krauss. „Wir sind an räumliche Grenzen gestoßen“, so der Leitende Pastor.
In Sachen Immobiliensuche sei die Gemeinde – sie wurde am 19. November 1956 gegründet – auch mit Bürgermeister Matthias Nerlich im Gespräch gewesen, so Krauss. Der Kontakt zur Brauhaus-Eigentümerfamilie Schlifski sei im Oktober 2018 zu Stande gekommen. „Daraus hat sich dann rasch die Idee entwickelt“, berichtet Lothar Krauss, der seit vier Jahren in der Gemeinde arbeitet. Im Februar habe man die Sache dann „auf den Punkt gebracht“. „Derzeit wird der Kaufvertrag vorbereitet“, freut sich der Seelsorger aufs neue Domizil.
„Mit diesem Schritt tritt die Gemeinde aus dem Dornröschenschlaf“, hat Krauss – er wird vom elfköpfigen Gemeindeleitungskreis, 70 weiteren Personen in Leitungsverantwortung und 170 Ehrenamtlichen unterstützt – viele Ideen für die Zukunft. Vorträge, Musikveranstaltungen, ein Kinder- und Jugendzentrum in den früheren Brauhaus-Lagerräumen: Unter dem Motto „Kirche im Brauhaus – wir lieben das Leben“ biete die Immobilie viel Entwicklungspotenzial. „Denkbar wäre auch ein Café-Betrieb“, blickt Krauss bereits in die Zukunft. Ideen gebe es viele, entschieden werde von allen Gemeindemitgliedern gemeinsam. Von den Liegenschaften in der Pyritzer Straße werde sich die FCG trennen. Der Verkaufsprozess werde in den nächsten Wochen eingeleitet, kündigt Lothar Krauss an. Rein ins Brauhaus, raus aus dem alten Gemeindehaus: So werde es nicht laufen, ein „fließender Übergang“ sei geplant. Zur Kaufsumme äußerte sich Krauss nicht.
Dehoga-Chef Armin Schega-Emmerich spricht von einem herben Verlust für Gifhorns Gastronomie-Landschaft. „Das Brauhaus war ein gastronomisches Aushängeschild für die Stadt – ich bedauere sehr, dass es nun nicht mehr weiter geht“, zeigt sich der Dehoga-Vorsitzende betroffen. „Besonders für jüngere Leute gibt’s nun keine echte Alternative – ein Armutszeugnis für eine 43.000-Einwohner-Stadt“, beklagt der Dehoga-Chef die neue Situation.
Diese Auffassung teilen Kultbahnhof-Chef Volker Schlag und Nadine Gaumert vom Grille-Team allerdings nicht. Die Meinung, dass nun für junge Gifhorner kein Angebot mehr bestehe, sei falsch. „Wir haben fast jedes Wochenende eine tolle Auswahl verschiedener Livemusik-Veranstaltungen“, sagt Schlag. Kultbahnhof, H1, Alt-Gifhorn und auch die Grille seien regelmäßig Veranstaltungsorte. Hinzu kämen Angebote des Kulturvereins und der Stadthalle. „Allerdings hat sich das Ausgehverhalten der Leute geändert“, bedauert Schlag. Durch soziale Netzwerke und Smart-TV sei es immer schwieriger, die Leute vom Sofa zu holen.
Nadine Gaumert vom Jugendtreff Grille pflichtet Schlag bei. „Trotzdem bieten wir Nachwuchsbands immer wieder eine Plattform – Zielgruppe sind dann Jugendliche.“ Auch die Open-Stage-Veranstaltungen, die bereits seit sechs Jahren fester Grille-Bestandteil sind, und Poetry-Slams würden gut angenommen. „Meistens sind wir ausgebucht“, weiß Gaumert.
Musiker Volker Schlag hat eine eigene Sichtweise der Dinge. „Die Gifhorner sind selbst schuld daran, dass die Brauhaus-Gastronomie nicht mehr fortgeführt werden kann, denn sie sind einfach nicht mehr hingegangen“, ärgert sich Schlag über das Gejammer. Selbst Profis hätten vergeblich versucht, das Brauhaus zum Laufen zu bringen, sich jedoch die Zähne ausgebissen.