
Hilfe-Serie in hallo Peine: Binge-Eating
Edemissen. Wer kennt das nicht? Auf einer Geburtstagsfeier ausgiebig essen bis zur Übelkeit? Im All You Can Eat Restaurant über die Strenge schlagen und hinterher ein schlechtes Gewissen haben? Binge-Eater (engl. binge = Gelage) hingegen zeigen über einen längeren Zeitraum ein unkontrolliertes Essverhalten.
In periodischen Heißhunger-Anfällen stopfen sie unkontrolliert Essen in sich rein. Sie haben keine Kontrolle mehr über die Menge. Oft spüren sie kein Sättigungsgefühl und wenn doch, essen sie über dieses hinweg. Langfristig führt das meist zu starkem Übergewicht, auch Adipositas gennant. Männer und Frauen sind gleichermaßen betroffen.
Bis zu ihrem siebten Lebensjahr war Carola Z. normalgewichtig. Dann setzten die Pfunde an. Mit 17 machte sie die erste Diät. Hinterher zeigten sich Jo-Jo-Effekte. „Ich hatte früher drei Mal täglich Essattacken“, erzählt Z. „Dabei war ich so vollgefressen, dass ich es nicht schaffte, mich herunterzubücken und die Schuhe zuzubinden“. Erst während einer Ausbildung als Seelsorgeberaterin erkennt sie: Ich habe ein Problem. Es folgen Ernährungsberatung, Gesprächstherapie und ein Kuraufenthalt mit 36. Seither hält sie ihr Gewicht. Auch weil sie damals ihre erste Selbsthilfegruppe für Essgestörte gründete. Die Gespräche halfen ihr, nicht wieder in alte Verhaltensweisen zurückzufallen. „Bei einer Binge-Eating-Disorder bleibt man ein Leben lang mit dem Problem konfrontiert“, sagt Z. So wie ehemalige Alkoholiker auf der Hut vor einem erneuten Griff zur Flasche sein müssten, seien auch Esssüchtige gefährdet, in alte Verhaltensweisen zurückzufallen.
Die Selbsthilfegruppe von damals besteht nicht mehr. Vor fünf Jahren hat Carola Z. mit Unterstützung von KISS Peine beschlossen, eine neue Selbsthilfegruppe für essgestörte Menschen in Edemissen zu gründen. Alle 14 Tage in den ungeraden Kalenderwochen treffen sich Betroffene an Montagabenden. Eingeladen sind auch Adipositas-Betroffene, die aus anderen Gründen – wie zum Beispiel Medikamentennebenwirkungen – übergewichtig sind. Es gibt Getränke und die Teilnehmer kommen erst einmal an. Dann können alle in der „Blitzlichtrunde“ sagen, wie es ihnen aktuell geht. Daraus entsteht ein Gespräch. „Viele denken, sie sind allein auf der Welt, weil sie nicht von Familie oder Freunden verstanden werden“, weiß Carola Z. Die Gruppenmitglieder hingegen kennen die Probleme und spenden Trost. Sie helfen sich gegenseitig, um gut durch den Alltag zu kommen und stärken das Selbstvertrauen. Auch über mögliche Anlaufstellen, Kliniken und gute Therapeuten können sich die Betroffenen im geschützten Rahmen austauschen. Jeder, der kommen mag, kann zunächst anonym bleiben.
Was in der Gruppe nicht geleistet wird, ist Therapie. Jedoch wird geholfen, nach der Ursache zu suchen. Manchmal ist es ein Schicksalsschlag, der zur Binge-Eating-Störung führt, manchmal ist es ein schleichender Prozess, der aus einer großen Unzufriedenheit im Berufs- oder Privatleben entsteht. Auch Ursachen aus der Kindheit können ausschlaggebend sein. Dabei steht die Esssucht dafür, sich zu schützen und etwas zu kompensieren, mit dem man nicht klarkommt. „Jeder muss für sich die Lösung finden und selbst etwas dafür tun“, verdeutlicht die Gruppengründerin. Ein Geheimrezept gebe es nicht.
In der Gruppe sei aufgefallen, dass alle zwei ähnliche Probleme haben. Zum einen fällt ihnen das „Nein“-Sagen schwer, zum anderen ist die Selbstfürsorge und die Selbstwahrnehmung gestört. Sie opfern sich für andere auf, statt an sich selbst zu denken. Oft sind Betroffene in helfenden Berufen zu finden. Statt Müdigkeit spüren sie dann Appetit. Als Folge essen sie unkontrolliert und fühlen sich hilflos. Ein Teufelskreis beginnt. Manchmal verheimlichen sie die Essanfälle. Schamgefühle entstehen. Sie verstehen die Essattacken nicht und fühlen sich schuldig, weil sie denken, keine Disziplin zu haben.
„Irgendwann merken sie, dass normale Diäten scheitern und die Essanfälle nichts mit fehlender Disziplin zu tun haben“, erklärt Z. Stattdessen müssen Verhaltensweisen und falsche Glaubenssätze geändert werden. Parallel zur Gruppe kann dies mit Hilfe von Esstrainings, Therapeuten und Kuren geschehen.
Vielen fehle es jedoch an Mut, sich zu ihrer Krankheit zu bekennen und Hilfe zu suchen, vermutet die Gruppengründerin. Die Schamgefühle sind groß. Betroffene sehen sich lieber als undisziplinierten Menschen mit Adipositas. Ihre Essstörung eingestehen wollen sie sich zunächst nicht. Carola Z. hofft, dass die Gruppe genau so eine Bereicherung für andere sein kann, wie für sie selbst. Das gesellschaftliche Verständnis für Menschen mit diesem Krankheitsbild ist leider gering. Oft haben sie mit Diskriminierung zu kämpfen, weil die Folgen durch Adipositas sichtbar sind. „Sogar Ärzte sind oft unsensibel und gehen von Disziplinlosigkeit der Betroffenen aus“, weiß Carola Z. aus Erfahrung.
Schlank werden möchte sie nicht. Aber so essen, dass sie sich in ihrem Körper wohlfühlt. Dazu gehört, das Essen positiv zu sehen und es zu genießen. Diäten sind jedoch Tabu. „Die lösen bei mir Essattacken aus“, weiß die Bertoffene aus Erfahrung.
Die Teilnahme an den Treffen ist kostenlos. Es wird um eine freiwillige Spende für die Getränke gebeten. Carola: Tel. 05177 / 506330, Gabi: 0175 / 1258936, info@esssucht-peine.de, www.esssucht-peine.de